Konya

Letztes Wochenende war ich also in Konya, das ist eine Stadt mit ca. 700000 Einwohnern und liegt ziemlich im Zentrum der Türkei. Ich bin gemeinsam mit Julia hingefahren, die aus Österreich kommt und auch an der Bogazici studiert. Da die Züge dahin zu recht blöden Zeiten fahren haben wir beschlossen die Busfahrt von ca. 10 Stunden auf uns zu nehmen. Schon im Bus hat man gemerkt, dass man nicht nach Antalya fährt. Die meisten waren ältere Leute und sahen eher traditionell aus von ihrer Kleidung her. Nachdem ich eine halbwegs bequeme Stellung gefunden hatte habe ich es auch geschafft ein bisschen zu schlafen. Wir sind nämlich Freitagabend um neun los gefahren um samstagmorgens anzukommen.

Um ungefähr sieben Uhr waren wir dann auch dort und haben uns erst einmal den Weg zur Strassenbahn gesucht. Es war ganz schön kalt. Aus Istanbul bin ich so meine zehn Grad ungefähr gewohnt und in Konya hatte es ein bisschen unter Null Grad. Aber das wussten wir ja schon vorher und hatten daher entsprechende Klamotten dabei.

Im Zentrum angekommen sind wir auf die Suche nach einem kleinen Hotel gegangen, dass mein Reiseführer (danke Mädels, danke!!!) empfohlen hat weil es sehr sauber und günstig ist. Nachdem wir es endlich gefunden hatten sind wir zur Rezeption und tatsächlich waren sie bereit uns ein Zimmer für diese Nacht zu geben. Und es war tatsächlich alles so sauber wie es im Reiseführer steht.

Als nächstes haben wir auch noch ein ganz leckeres Frühstück bekommen: ein Sandwich aus Fladenbrot, Käse, Tomate und Petersilie (warm und knusprig), Tee und einen Erdbeerjoghurt. Frisch gestärkt zogen wir los um die Stadt zu erkunden.

Das Besondere in Konya ist, dass dort einmal Mevlana gelebt hat. Er war ein geistlicher und spiritueller Gelehrter. Er hat im 13. Jahrhundert n. Chr. sehr viele Gedichte und andere Werke geschrieben und war ein sehr weiser Mann. Als seine Anhänger einen anderen Gelehrten töteten, weil sie eifersüchtig auf dessen großen Einfluss auf Mevlana waren, war Mevlana so geschockt, dass er in Meditation versank und daraufhin einige seiner größten Werke schrieb. Auch ihr vielleicht noch nicht von ihm gehört habt: er ist hier sehr wichtig und wird nach wie vor verehrt. Es heißt, dass er mit seinem Tod die Vereinigung (oft Hochzeit genannt) mit Allah erreicht habe. Seine Anhänger schlossen sich darauf hin zu so genannten Derwisch-Orden zusammen. Man kann sich eine Art Bruderschaft darunter vorstellen, ein bisschen ähnlich einem christlichen Kloster. Um zum Derwisch zu werden musste man 18 verschiedene Stufen durchlaufen. Die Derwische selbst sind am meisten für ihren wunderbaren Tanz bekannt, den sie in Trance durchführen. Dabei tragen sie weiße lange Röcke und weiße Jacken. Sie drehen sich minutenlang im Kreis und geben ein sehr beeindruckendes Bild dabei ab. Wenn ihr euch das jetzt nicht vorstellen könnt schaut mal auf meine Bilderseite, da habe ich zwei Bilder eingestellt davon.

Da dieses Wochenende das letzte Wochenende des jährlichen zweiwöchigen Mevlana-Festivals war, das mit dem Tag von Mevlanas Tod endet, hatten wir das große Glück für Sonntagmittag Eintrittskarten für eine dieser Vorstellungen zu bekommen. Es waren nämlich viele türkische Touristen da und große Busladungen von ihnen wurden auch am Sonntag noch von überall her, sogar aus Teheran, angekarrt.

Wir haben uns also am Samstag die Karten für Sonntag besorgt und haben uns sehr gefreut, dass wir welche bekamen. Anschließend haben wir das Mevlana Museum besucht. Dazu muss man sagen, dass dies kein Museum herkömmlicher Art ist. Es besteht aus einer Art Schrein, in dem Mevlana selbst und einige andere wichtige Persönlichkeiten in Türben begraben sind. Dann sind da noch die Gebäude, in denen er und die Derwische gelebt haben. In einem von ihnen kann man sich alte Gegenstände anschauen und sich über die Lebensweise der Orden informieren.

Das Ganze war sehr beeindruckend, aber leider sehr voll von hunderten alter Leute mit sehr wenig Rücksicht für andere. (Ich habe einen Krückstock also darf ich dich wegschubsen wo ich will&hellip Wir mussten übrigens dort Kopftücher tragen, eine der wenigen Gelegenheiten bisher. Wenn man nicht eine Moschee oder einen ähnlichen Ort betreten will muss man hier nirgendwo eines tragen.

Als wir in dem Schrein standen, der einer Moschee nicht unähnlich war (von der Größe und den Verzierungen her), hat es uns sehr bewegt, als wir gesehen haben, wie viele Menschen tatsächlich am Rande standen oder saßen und teils weinend im Stillen für Mevlana gebetet haben. Aus dem Lautsprecher wurde eine mysthische typische Derwisch-Musik abgespielt und die Menschen waren komplett in sich versunken. Es war eines der Erlebnisse, die ich nie vergessen werde, da bin ich mir sicher.

Das Wetter war sehr schön und so beschlossen wir, noch in ein weiteres etwas weiter entferntes Museum zu laufen. Der Reiseführer sagte, wir sollen einfach über den Friedhof drüber laufen, das sei der kürzeste Weg. Hm, also so ein türkischer Friedhof ist nicht unbedingt mit den Friedhöfen zu vergleichen, auf denen ich bisher war. Erst einmal war er riesig! Gut, ich habe mir von Julia, die aus Wien kommt, sagen lassen, dass das jetzt nichts ungewöhnliches ist, wenn man nicht gerade von so einem Kaff kommt wie ich ;-).

Und dann war es interessant, zu sehen, dass dort alles viel ungeordneter zu sein scheint. Die Grabsteine stehen wo sie halt gerade hingefallen sind, so macht es den Eindruck. Nicht so wie bei uns: alles im 90°-Winkel ausgerichtet und alles die gleiche Größe und so… Aber diese Masse an weißen Grabsteinen aus den verschiedensten Jahrhunderten war echt interessant.

Den Friedhof einfach durchqueren erwies sich als nicht so einfach, da es viele Ausgänge gab, die aber alle verschlossen waren. Schließlich trafen wir einen Mann und fragten ihn nach dem Weg zu dem Museum und er konnte es uns glücklicherweise beschreiben.

Zehn Minuten später waren wir dort. Das Museum zeigt die Sammlung eines verstorbenen Mannes, der so ziemlich alles gesammelt hat was man sich so vorstellen kann: einen Mammutknochen, ottomanische Gewänder, Teppiche, Münzen, Schallplatten und und und… Uns hat das echt gut gefallen, weil es mal was anderes war. Und es waren viele alte Bilder von Konya dabei, was wir interessant fanden.

Danach war es schon früher Nachmittag und wir hatten richtig Hunger. Also haben wir den Reiseführer befragt und eines der Restaurants angesteuert. Dort haben wir dann Pide bestellt mit Käse und Hackfleisch und es waren riesige Portionen, die einen tollen Geschmack hatten. Das war eines der besten Pide, die ich bisher gegessen hatte. Zu zweit haben wir dann stolze 4 € gezahlt für zwei Mal Pide und zwei Getränke. Krass oder? In Konya war das Essen wirklich wahnsinnig billig, da haben wir ganz schön zugelangt J.  Auf dem Weg zum Hotel haben wir uns noch jede einen Sütlac schmecken lassen, das ist ein türkischer Nachtisch und eine Art Milchreis mit Zimt.

Und dann haben wir uns echt erst einmal zwei Stunden aufs Ohr legen müssen… Das ganze Laufen an der frischen Luft und das gute Essen haben sich bemerkbar gemacht.

Am frühen Abend waren wir dann noch einmal in der Stadt unterwegs und haben ein bisschen gebummelt. Als wir langsam wieder müde wurden haben wir uns in ein anderes Restaurant gesetzt und das war eine interessante Erfahrung. Unten waren viele Männer und haben Tee getrunken und Wasserpfeife geraucht. Zum Essen war uns das nicht so recht, daher sind wir die Treppe hoch wo uns ein Kellner sofort in eines der Nebenzimmer verfrachtet hat wo eine Familie saß. In einem anderen Nebenzimmer muss eine Art Männerversammlung statt gefunden haben. Da kamen immer mehr und die Schuhe ließen sie vor der Tür. Was das wohl genau war? Das wir in ein Familien- bzw. Frauenzimmer dieser Gaststätte „verbannt“ worden sind haben wir erst gemerkt als wir dem Kellner nach dem Essen gesagt haben, dass wir unten noch Wasserpfeife rauchen möchten. Der hat uns nur entgeistert angeschaut und gemeint, er bringt sie uns nach oben. Er wollte uns wirklich nicht unten rauchen lassen. Da hätten wir eigentlich selbst drauf kommen können. Konya ist eben eine konservativere Stadt und wir haben abends auch nur noch wenige Frauen auf der Straße gesehen. Auch mit Disco oder so ist da wohl nicht viel und ein Bier wird man auf den wenigsten Speisekarten sehen… Dann haben wir eben oben Nargile geraucht. Da war es eben nur nicht so gemütlich weil unten lauter so kleine Sessel und so standen und wir oben an einem Esstisch saßen. Der Kellner, der vielleicht in unserem Alter war, kam immer wieder und wir haben auch ein paar Worte mit ihm geredet. Als wir gegangen sind hat er uns dann auch prompt seine Visitenkarte in die Hand gedrückt mit Handynummer und allem drum und dran. War lustig.

Wir wurden dieses Wochenende auch noch zwei oder drei Mal mehr angemacht aber man muss echt sagen, dass es viel angenehmer war als anderswo. Die Männer haben nämlich fast augenblicklich aufgegeben wenn man ihnen gesagt hat, dass man einen Freund hat und dass man kein Interesse hat. Es war also echt in Ordnung.

Am Sonntagvormittag haben wir dann noch mal einen Spaziergang um den Aladdin Hügel im Stadtinneren gemacht, wo eine schöne alte Moschee steht und von wo aus man eine nette Aussicht hat. Die vielen Teegärten dort waren leider geschlossen (naja es ist halt Winter) aber im Sommer muss es da echt toll sein.

Gegen Mittag haben wir uns auf die Suche nach dem Kulturzentrum gemacht, in dem die Vorstellung der Derwische stattfinden sollte. Nach kurzem Suchen haben wir sie auch gefunden und waren überrascht von dem modernen großen und ziemlich neuen Bau. Leider mussten wir dann noch ziemlich lange warten. Um ein Uhr hätte es los gehen sollen. Da waren aber noch nicht mal die Hälfte der Zuschauer da. Um zwei war es recht voll schon, aber da kam dann erst noch ein türkischer Sänger, dessen Gesang meine Ohren jetzt nicht wirklich erfreut hat wenn ich ganz ehrlich bin. Aber die anderen Zuschauer waren begeistert. Um halb drei ging es dann endlich los und es war wirklich toll. Die Musik war sehr beruhigend und dann den sich drehenden Tänzern zuzusehen… Ich habe auch ein kleines Video gemacht, dass ich dem einen oder anderen von euch dann mal zeigen kann wenn ich zurück bin.

Am späten Nachmittag waren wir dann Pizza essen und anschließend haben wir unsere Rucksäcke aus dem Hotel geholt. Auf dem Busbahnhof bin ich dann zu einem Schalter gegangen und habe auf Türkisch gefragt von wo denn unser Bus abfährt. Die Gesichter wenn so ein ausländisches Blondchen kommt und die Leute auf Türkisch anspricht sind immer wieder toll ;-). Nach der erwünschten Antwort wurde ich dann tatsächlich gefragt ob ich Türkin sei (also natürlich hat er nicht gemeint, dass ich in der Türkei lebe aber halt ob ich zum Beispiel als Halbtürkin zu Besuch sei oder so&hellip. Das gibt einem immer so ein kleines Hoch wenn man mit seinem Türkisch irgendwie zurecht kommt ohne das Wörterbuch zu benutzen…

Die Heimfahrt war dann wesentlich schlechter als die Hinfahrt. Um acht Uhr ging es los und es wurde ein Film gezeigt: Last Samurai mit Tom Cruise auf Türkisch. Das finde ich immer schön wenn ein Film kommt und man kann das Hörverstehen üben. Aber dieses Mal war ich zu müde. Dann haben wir andauernd angehalten wenn ich kurz vor dem Einschlafen war um noch irgendwelche Leute einsteigen zu lassen oder zu tanken oder sonst was. Einmal stand mitten in der Nacht ein Gendarm vor meiner Nase, mit Waffe und Militäruniform und hat unsere Ausweise kontrolliert. Da war eine Gendarmerie Station mitten in der Pampa und denen war wohl langweilig…

Ich war echt froh als wir am nächsten Morgen um sechs Uhr endlich in Istanbul ankamen. Um halb acht Uhr war ich dann auch schon daheim wo ich erst mal ausgiebig geduscht habe. Anschließend habe ich dann noch einige eurer E-Mails beantwortet und um elf Uhr ging eine ziemlich zerknautschte Birgit in die Uni zu ihrem Türkischkurs. Ich habe dann sogar noch bis abends um elf durchgehalten aber danach habe ich verdammt gut geschlafen!

Das Wochenende war echt schön und hat mich wieder mit der Welt versöhnt nach der Geldbeutelgeschichte letzte Woche… Konya ist zwar eine recht konservative Stadt aber wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und hatten nicht das Gefühl, dass uns jemand blöd angeschaut hat weil wir kein Kopftuch tragen. Und das obwohl außer uns nur ganz wenige westliche Touristen dort waren.

Jetzt kommen dann erst mal meine Eltern und der Steffen. Vielleicht  kommt zwischendrin ein kurzer Blog von mir.

Ansonsten wünsche ich euch allen schon mal ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Alles Liebe,

Birgit

20.12.06 10:07

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